Wahlbetrachtung III – Schiffbrüchige
Kay Karpinsky am 29. September 2009 | 12 Kommentare
Verschiedene Formen der Autosuggestion wurden probiert, doch auch ein scheinbar kreatives Durcheinander konnte nicht verhindern, dass der letzte Quest nicht gemeistert wurde. Die Piratenpartei blieb unter den Erwartungen der eigenen Aktiven und landete bei 2,1%.
Inhaltlich wurde schon in der letzten Wahlkampfphase die mangelnde Offlinekompetenz deutlich. Wenn stellvertretende Bundesvorsitzende bestimmte rechtslastige Zeitungen nicht kennen und der Rest der Partei in den Reaktionen dazu vor allem durch fehlendes Problembewusstsein auffällt, grenzt man den eigenen Aktionsradius ziemlich ein. Hinzu kam das aggressive Auftreten im Netz und die geradezu kindische Empfindlichkeit gegenüber jeglicher Kritik.
Vor allem aber: Die Kernzielgruppe ist zu klein. Vorwiegend mit Männern unter 30 knackt keine Partei die fünf Prozent. Die Hochburgenstruktur, bei der Sachsenwahl noch auffällig kongruent mit der grünen, verheißt diesmal nichts Gutes. Fast überall gibt es einen Sockel von ca. 1,5 bis 2%, mit einer Verteilung, die ansonsten keinen Gesetzen zu gehorchen scheint, abgesehen von wenigen Ausreißern nach oben. Diese betreffen zwar durchaus Hochschulstandorte, aber eben nur wieder solche, wo die Hochschulen ein klares technisches Profil, oder, mit anderen Worten, einen hohen Männeranteil aufweisen. Unis mit geistes- oder gar sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt bringen den Piraten nicht viel, nachzufragen in Bielefeld (WK 133). Die Wählerschaft korreliert mit der Mitgliederstruktur, und das macht es schon rein habituell schwer, die Basis zu verbreitern – Grüne kommen an die heutigen Rentner auch nicht mehr ran, wir müssen warten, bis die eigene Gründergeneration selber alt ist (was sich so allmählich auch einstellt).
Einzige regional auffällige Ausnahme ist Berlin, gleichzeitig auch der einzige Ort, wo der Schaden für Grün merkbar war (und durch nichts anderes besser zu erklären). Da gibt es ein oranges Milieu, das auch offline existiert, und in Friedrichshain-Kreuzberg schon mal mit der FDP auf Augenhöhe ist. Von der Hauptstadt abgesehen beziffere ich die durch Piraten für Grün entgangenen Stimmen auf 0,7 Prozentpunkte, ablesbar an der Differenz Zuwachs Sachsen minus Zuwachs Thüringen, und das erscheint mir auch durchaus als plausibel. Das Meiste vom Rest hätte sonst halt irgendwas gewählt, womöglich sogar SPD, und strebt nicht selten danach, in ein paar Jahren zu der Gruppe zu gehören, die dann aus Enttäuschung über die ausgebliebenen „Steuerentlastungen“ nicht mehr FDP wählen wird. Die Grünen standen wegen ihrer lästigen Umweltpolitik (Tempolimit!) eh nicht zur Debatte.
Fehlen uns aber doch vier Mandate, die Özcan Mutlu, Beate Walter-Rosenheimer, Ulle Schauws und Harald Ebner nicht bekommen haben. Das ist nicht schön, aber immer noch angenehmer als die Sackgasse, die der Piratenpartei droht. Denn durch die oben geschilderten Voraussetzungen dürfte es schwierig werden, aus dem eigenen, recht kleinen Milieu auszubrechen. Um aber unterschiedliche Politikansätze ernsthaft diskutieren zu können, ist aber genau das irgendwann mal nötig.


1. Anne Klatt
Kommentar vom 29. September 2009 um 11:07
Lieber Kay,
warum piesackst du denn die Korsaren so? OK, sie sind thematisch noch sehr flachbrüstig – aber diese (“ihre”) Themen haben sie dafür besser durchdrungen als alle anderen Parteien. Und die Stoßrichtung passt doch ganz hervorragend zu den grünen Zielen und Werten (Wissensallende, transparenter Staat, flache Hierarchien, Bürgerrechte, keine Patente auf Gensequenzen usw.). Wir sollten zusehen, dass wir ihre Inhalte ernst nehmen und ihre Expertise für uns fruchtbar machen. Selbst wenn sie tatsächlich Schiffbruch erleiden, bin ich unbedingt dafür, ihnen ein verlockendes Rettungsangebot bei Grüns zu machen.
Eine gepflegte Konkurrenz halte ich jedenfalls für die unklügste Variante – die Überwachungsfetischisten und Hinterzimmer-Lobbyisten dieser Republik rieben sich die Hände.