So schaffen es Baiser-Stachelbeertörtchen auf die 1. Seite Lokales
Zum “Schnäppchenpreis von 92 Euro” (so wird der OB zitiert) bekamen die BesucherInnen des Silvesterballes in der frisch eröffneten Stadthalle offenbar – nichts geboten. Die teuerste Silvesterfete in ganz Greifswald (man schaue in unsere Lokalzeitung in den Tagen vor dem Jahreswechsel, dort sind alle Festivitäten inklusive Eintrittspreisen aufgeführt) bot offenbar weniger als jede Veranstaltung im privaten Wohnzimmer.
Einziger Unterschied: Das Orchester des Theater Vorpommerns kämpfte sich ab 18:30 Uhr durch die Gassenhauer der einschlägigen Musikliteratur. Das bekommt man zu Hause nur aus der Konserve oder dem TV. Und sonst?
Die OZ berichtete durch den lokalen Chefredakteur vom Silvesterball auf der ersten Seite Lokales, Titelzeile über dem Bruch. Unsere Lokalzeitung ist weit entfernt davon, der zweimaligen Wahlhilfe für den jetzigen OB (2001 versprach er wider besseres Wissen, die Finanzierung der Stadthallensanierung sei gesichert, und wurde gewählt; 2008 ließ er die WVG-finanzierte Sanierung pünktlich kurz vor den OB-Wahlen beginnen – das Ergebnis kennen wir) in irgendeiner Form kritisch gegenüberzustehen, insofern kann man davon ausgehen, daß Reinhard Amler wirklich nur die Highlights der Veranstaltung darstellte.
Auf den Bildern, die zum Artikel gehören, die man leider nur in der gedruckten Ausgabe, nicht online bewundern kann, ist die stimmungsvolle Veranstaltung gut beschrieben: Da, wo eigentlich der rauschende Silvesterball stattfinden sollte – standen Tische in Reihen, spärlich mit Wasserflaschen und durch sonst nichts feierlich gedeckt. Die Bühne völlig nackt und kahl (bis auf die Ausstattung für “Dinner for one”, die, vermutlich aus Zeitspargründen, schon einmal aufgebaut war), damit nichts von der künstlerischen Leistung der Auftretenden ablenken konnte, denn: diese “lieferten” Musik. Davon “magisch angezogen” verirrten sich von ihren Sitzen einige wenige Menschen auf die Tanzfläche, die schamhaft das Gesicht abwendeten, als sie fotografiert wurden. Auch die MitarbeiterInnen am Büfett wollten wohl eher nicht in die Zeitung gelangen, denn auch sie wenden sich ab – mit Grausen? -; auch auf diesem Bild keine bestgelaunt spachtelnden Menschen, sondern Töpfe und Tassen, zu und leer. Nur Miss Sofie (Gabriele M. Püttner, wenn ich das Foto richtig deute) lächelt in die Kamera – daß es das “Dinner for one” neben erwähnten Törtchen mit Bild auf die erste Seite und an prominente Stelle in die Berichterstattung vom Ball geschafft hat, spricht Bände. Hätte es den Film und seine Adaption auf der Bühne der Stadthalle nicht gegeben, wären vermutlich viele lieber vor dem heimischen Fernseher geblieben, statt dorthin zu gehen.
Eigentlich hätte es Fotos der BesucherInnen geben sollen, damit die anderen, die nicht da waren, sich darüber ärgern und ordentlich neidisch werden, daß sie nicht da waren. In puncto Marketing kann man da von der Yellow Press einiges lernen. Aber keine Spur davon – das Publikum bestand aus “Senioren, Handwerkern, Rechtsanwälten, und Verwaltungsmitarbeitern” (das letzte Komma stand so im Artikel, ich habe nur ein paar “n” ergänzt). Ist irgendjemand traurig darüber, nicht dabei gewesen zu sein? Ich habe nichts gegen die Mitglieder der hier beschriebenen Besuchergruppen, aber als Beschreibung eines Ballpublikums wirkt diese Reihung doch eher demotivierend.
Der Lokalchef konzidiert der Veranstaltung: “Das Meiste hat aber geklappt.” Ein Arbeitszeugnis, in dem betont wird, daß sich die MitarbeiterIn “immer redlich bemüht habe”, führt in der Regel zur Nichteinstellung der BewerberIn. Dennoch: “Im Kaisersaal wurde bis weit nach drei Uhr bei bester Stimmung geschwoft.” Klar: Wenn ich schon knapp hundert Euro für eine Veranstaltung ausgebe, gehe ich nicht um zehn nach Hause!
Nicht wie bei der Eröffnung der Stadthalle, bei der man ein gutes Büfett, arrangiert von den MitarbeiterInnen der “Sonne”, genießen konnte, sondern am Büfett eines “Rügener Unternehmens” (nicht etwa vom Theatercatering) standen die Menschen offenbar in Schlangen an. “Bis nach zwei Uhr, konnte man hier zu Lamm, Rind oder Lachs greifen.” (Auch diese Kommasetzung ist nicht von mir.)
Völlige Unkenntnis des Theaterbetriebs (nicht nur des modernen) spricht aus der Schilderung des Rubenowsaales. “Wer hier seinen Platz hatte, saß nämlich in der Blackbox. Der Rubenowsaal wird im März als Theater auf der Probebühne (TaP) eingeweiht. Er wurde deshalb in Schwarz gehalten, um künftig allen Ansprüchen an moderne Kleinkunst gerecht zu werden.” Was sagt uns das? Was nicht auf der großen Bühne stattfindet, ist Kleinkunst. Und: Die Moderne des Theaters begann mit der Einrichtung des ersten Theatergebäudes…
Ein Ball sieht anders aus. Auch die Berichterstattung über einen Ball sollte sich nicht so anhören, als ginge es um eine Abiturfeier in einer Aula.
Aufgrund des Artikels bin ich heilfroh, keinen Gedanken daran verschwendet zu haben, mich um eine Karte der Veranstaltung anzustellen. Wenn auch in Zukunft durch das Theater Veranstaltungen mit Minimalausstattung organisiert werden, die nur dazu da sind, den BesucherInnen hundert Euro aus der Tasche zu ziehen (Wie wunderbar, phantasiereich und bestens ausgetattet hätte man für das Geld überall in Greifswald feiern können!), läßt uns die Verlautbarung das Schlimmste befürchten: “Wie Theaterchef Ickrath ankündigte, sollen 2010 weitere öffentliche Bälle in der Stadthalle stattfinden. Der nächste ist der Theaterball am 13. März.”
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Wie gesagt, ich war nicht da und bin eigentlich nicht befugt, eine nicht besuchte Veranstaltung zu beurteilen. Aber die Presse ist natürlich dazu da, mir über Dinge zu berichten, die ich nicht persönlich erlebt habe. Und, wie oben schon gesagt, bei der betont unkritischen Haltung unserer Lokalzeitung gegenüber der von den Mietern der WVG finanzierten Stadthalle vertraue ich dem Chefredakteur, daß er ein reales Bild des Silvesterballes “geliefert” hat. Da wiegt der vorletzte Satz des Artikels ziemlich schwer: “Viele Ballbesucher waren sich auch einig: „Wir sind bereit mehr zu zahlen. Dann muss aber die Qualität hundertprozentig stimmen“, sagten sie.”
Kein weiterer Kommentar.



1. lupe
Kommentar vom 3. Januar 2010 um 23:43
Da war in der OZ wohl ein Schönschreiber am Werk, im Grunde nicht der Erwähnung wert, weil es OZ-Alltag ist; das mit den Kommas auch. Ich habe den Quark nicht gelesen. Mich würde nicht wundern, wenn in dem Artikel indirekte Rede in Anführungsstriche gesetzt worden wäre und direkte Rede ohne auskommen müsste. Ist auch ein Markenzeichen des Lokalchefs.
Als ich den Eintrittspreis las, war mir klar, wer in der Stadthalle nicht erwünscht ist. Logisch, dass das und anderes kein OZ-Thema ist.
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