Die Lohas und die Moral
Die Süddeutsche hat was bemerkt und wärmt ein altbekanntes Thema wieder auf: Den Ablaßhandel durch den Kauf von Bio-Erzeugnissen. Die längst bekannte Gattung der Lohas („Lifestyle of Health and Sustainability“ (Gesunder und nachhaltiger Lebensstil)), Menschen mit nicht gerade wenig Geld im Portemonnaie, dort angekommen, wo wir alle noch hinwollen (was die gesellschaftliche Stellung und die finanzielle Situation angeht), betreiben Ablaßhandel, kaufen sich Gutmenschen-Zertifikate oder wie immer man das nennen will, indem sie als KonsumentInnen über die Produktauswahl die Welt zu retten versuchen (sonst aber durch nichts), getreu dem Motto: Wer Schuhe hat, kann es sich leisten, barfuß zu gehen.
Diese etwas zweifelhafte Gattung der WeltretterInnen ist, laut SZ, jetzt in ihrem moralischen Verhalten untersucht worden. Und wie das bei bigotten Menschen so ist: auf der einen Seite Bio-Erzeugnis-KäuferInnen, auf der anderen Seite moralisch verwerflich, rassistisch, sexistisch.
“In einer vom Fachmagazin Psychological Science (Online-Ausgabe) veröffentlichten Studie zeigen Nina Mazar und Chen-Bo Zhong von der Universität Toronto, dass Probanden, die zuvor Bio-Produkte gekauft hatten, Mitmenschen anschließend schlechter behandelten, als es die Kunden konventioneller Lebensmittel taten. [...] Wer moralisch handelt und sich zum Wohle anderer verhält, leitet daraus häufig das Recht ab, gegen Normen zu verstoßen. [...] Wer Gutes tut, kann sich auch einmal etwas erlauben – die Psychologen Benoît Monin und Dale Miller haben für dieses Phänomen den Begriff “Moral Credentials” geprägt. Sie hatten festgestellt, dass Menschen eher sexistische oder rassistische Meinungen äußern, wenn sie sich zuvor als aufgeklärt und vorurteilsfrei gerieren konnten. So bleibe das Selbstbild als gut handelnder Mensch intakt – obwohl dagegen verstoßen wurde.”
In den Grünen Topf wirft die SZ in diesem Artikel auch die AnhängerInnen von Barack Obama: “Der Psychologe Daniel Effron von der Universität Stanford berichtete kürzlich, dass Probanden in einem Versuch eher negative Stereotypen über dunkelhäutige Amerikaner äußerten, wenn sie sich zuvor als Anhänger von US-Präsident Barack Obama zu erkennen gegeben hatten.”
Schließlich gibt es oben auf die ungenießbare Suppe noch das Sahnehäubchen der sich karitiativ Gebenden, die dann wohl auch alle Grüne sind: “Marketingforscher beobachteten, dass sich Luxusgüter dann besonders leicht verkaufen lassen, wenn dies mit der Ankündigung verbunden wird, dass ein Teil des Erlöses für einen guten Zweck gespendet werde.”
Wenn die Leute, die die SZ in diesem Artikel zusammenrührt und über einen Kamm schert, wirklich alle Grüne wären oder wenigstens Grün wählen würden, müßte man “Große Koalition”, “Volkspartei” und ein paar andere Begriffe der Lagerpolitik neu mit Inhalt füllen; der Sprung für Grüns in den Schweriner Landtag wäre dann nun wirklich kein Problem mehr…
Ein bißchen weniger BILD-Journalismus hätte ich von der SZ eigentlich schon erwartet!



1. Kay Karpinsky
Kommentar vom 14. März 2010 um 16:08
Beachtlich finde ich vor allem, aus den Ergebnissen nordamerikanischer Studien Rückschlüsse auf das Konsum- und Sozialverhalten aller Erdenbürger, zum Beispiel auch derjenigen in Europa, ziehen zu wollen.
Aus der Psychologie bin ich derartige Schmalspurmethodik allerdings gewohnt. In der “Pädagogischen Psychologie” stützt man sich gerne auf Untersuchungen mit 20 Probanden. Die Resultate sind dann die Basis für einen ganzen Teilbereich, und das, obwohl die “Studien” oftmals allein wegen Interpretationsspielräumen bei der Übersetzung nicht vom englischen in den deutschen Sprachraum übertragbar sind.