Kleinkarierter geht’s nicht mehr (schreibt die FAZ)
Alle vernunftbegabten Menschen haben es schon vorhergesagt, und nun ist es leider eingetreten: Zumindest in der FAZ bescheinigt man der Greifswalder CDF-”Ehrung” den Provinzmief, der ihr wohl tatsächlich anhaftet.
Feierliche Einweihung ist am 8. Mai.
Hier im Zitat einige Passagen aus dem Artikel:
“Frankfurter Allgemeine Zeitung – Feuilleton – Wanderer über der Nabelschau
Heroisch soll es sein: Greifswald tritt resolut das Erbe von Caspar David Friedrich an
In einer unscheinbaren Ecke der engen Lappgasse, die vom Fischmarkt zum Dom führt, hat die Hanse-und Universitätsstadt Greifswald ein Denkmal für ihren bisher wohl “größten Sohn” erhalten – Caspar David Friedrich, das Malergenie der deutschen Romantik. Ein Denkmal, genau wie man sich eines vorstellt: ein Bronzemann, den Blick heroisch in die Ferne gerichtet, den rechten Fuß auf einem raumgreifenden Stahlgebilde. In der Waagerechten wirkt dieses wie eine kurze, etwa kniehohe Sperre, in der Senkrechten als Fragment eines mehr als mannshohen, im ersten Drittel abgebrochenen Spitzbogens.
Ein Denkmal, wie es vielen gefällt: mit bewegter Oberfläche, die dem vermeintlich unruhigen “Geist des Romantikers” entspricht. Doch wie viel Leben steckt in diesem Denkmal, das der Lübecker Künstler Claus Görtz angefertigt hat? Wie viel Friedrich? Wie viel von wessen Friedrich? Ist es nicht Caspar David Friedrichs Werk, das an den Anfang der Moderne gestellt wird? Der Beginn der Abstraktion aller Dinglichkeit zum Zeichen? Sind Friedrichs berühmter “Wanderer über dem Nebelmeer” oder sein “Mönch am Meer” in ihrer abgewandten Gestalt nicht nur als Mittler gedacht, die den erahnenden Blick in die Transzendenz ermöglichen sollen?
Friedrichs Pantheismus, der das Göttliche in der erhabenen Berglandschaft gleichsam wie im Kieselstein sah, soll also nun erstmals in einer Plastik zum Ausdruck kommen. Will man deren Figürlichkeit die beschriebene Mittlerfunktion zugestehen, so müsste sie jedenfalls in eine “ehrwürdige” Umgebung gestellt werden. Doch der neue bronzene Friedrich blickt auf seiner Grünfläche zunächst über einige Müllcontainer hinweg, ehe er das aufragende Ostfenster des spätgotischen Doms ins Auge fasst. Man mag sich ärgern über diese Postierung oder auch darüber, dass das entsprechende Grundstück ausgerechnet einem Lokalpolitiker gehört. Wichtiger ist die Frage, ob mit dem überwiegenden Naturalismus der Plastik das “Projekt Moderne” zumindest in Greifswald für gescheitert erklärt wird. Die Zeichenhaftigkeit des Objekts, das legt zumindest die Bronzefigur nahe, ist nicht allgemeinverständlich zu gestalten. Und diejenigen, die noch mit akademischer Rationalität das Zeichen dem Abbild vorziehen, sind zu einer Minorität geworden.
Immerhin gibt es als markantes abstrahierendes Element jenen rostigen Stahlbogen,der als Verweis auf die gotische Ruine, eines der Hauptmotive Friedrichs, als eigentliches Denkmal genügt hätte. Doch im digitalen Zeitalter sehnt die Mehrheit sich offenkundig nach haptischer Figürlichkeit. Die Postmoderne wird sich nicht ewig damit begnügen können, diese “kleinbürgerliche Sehnsucht” lediglich ironisch zu konterkarieren. Der stählerne Hohlkörper, den Claus Görtz der Plastik als diskret abstrahierenden Akzent beigab, macht das Denkmal zu einer Chimäre, die es wenigstens einigen “hohen Kritikern” recht machen will. Doch zum erhellend scharfen Kontrast hätte der Künstler seiner Plastik das klassizistisch-makellose Antlitz einer Schadowschen Luise oder eines Carl Friedrich Schinkel verleihen müssen, um wenigstens formal den Anspruch zu wahren, ein Werk der Friedrichschen Zeit nachzuempfinden.
[...]”
(Man sollte es dem Artikelschreiber vielleicht doch noch einmal mitteilen, daß es sich um die “Lappstraße” handelt – auch wenn sie wie eine Gasse aussieht.)
Der komplette Artikel – inklusive der Befürchtungen des Verfassers in Hinsicht auf das CDF-Gebäude des PLM – ist hier zu finden.



1. Wolfgang Tietze
Kommentar vom 15. Mai 2010 um 23:29
Manchmal entwickeln sich Orte unvermeidlich zu Enklaven kleinbürgerlich liebevollen Sinnierens. Und das ist gut so. An anderer Stelle wiederum entstehen Plätze, die werden zu Startrampen für mutige leise, auch kraftvoll poetische Assoziationen. Orte für Träume und Gedanken, die zwischen Vergangenem und Künftigem schwingen. Die wird man freilich in deutschen Kleinstädten eher selten finden. Da verlässt man sich lieber auf die Natur und den Sonnenuntergang und die Nachtigall. Es ist zu vermuten, das rührende Engagement einiger kunstbeflissener BürgerInnen unterstützt eher das leitlinienorientierte Kunstrezipieren kleinmütiger Feingeister. Das darf sein. Aber der Weltkulturgeist wird großmütig über diese fragwürdige bescheidene neue Kultstätte hinwegsehen. Und das ist gut so. Möglicherweise finden sich im zukünftigen Greifswald auch lebendigere Würdigungsattitüden für einen Romatiker, die gänzlich ohne Metall und durchgeistigten Hohlraum auskommen.