„Autofrühling“ oder der Tanz ums Goldene Kalb
Ein Gastbeitrag von Jost Aé
Die „Automeile“ hat nun auch die gute Stube unserer Hansestadt erobert! Was könnte am diesjährigen Maifeiertag wohl besser unsere kulturelle Vergessenheit symbolisieren, als die kampflose Übergabe der Greifswalder Innenstadt an die Lobby für der Deutschen liebstes Kind? Ist es nicht schon wieder die Abdankung all dessen, wofür der 1. Mai in seinen besten Zeiten einmal stand und teuer erkämpft wurde? Seit der 1. Mai als Feiertag nicht mehr wegzuschaffen war, wurde er mit mehr oder weniger Erfolg von denen, die ihn fürchteten, instrumentalisiert.
Wer erinnert sich noch an die sehnsüchtige Melodie: „Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün, und lass uns an dem Bache, die kleinen Veilchen blühn!“? Und was blüht uns heute? – Ein Autofrühling!
Ja, sind wir denn noch zu retten? Fällt uns an Sonn- und Feiertagen nichts anderes mehr ein als Shoppen und Poppen und Hüpfburgen für die Kinder?
Statt hinaus ins Offene und Freie, lassen wir uns verlocken, hinein ins Gedränge, in die Beschallung, in den Reigen rund um unser Goldenes Kalb, zum Bestaunen neuester Wunderwerke der mit unseren Steuergroschen geretteten Automobilindustrie, um sehnsuchtsvoll zu begaffen, was wir doch neu so kaum je werden kaufen können!
Nicht nur die Kirchen haben die kommerzielle Verfremdung ihrer Fest- und Feiertage zu beklagen. Wäre es nicht angemessen, am 1. Mai einmal innezuhalten und uns zu erinnern, dass Geld zwar alles verspricht, aber doch nicht Alles ist und nicht das Letzte sein sollte, was unser Leben bewegt – und dass, was Freiheit und grenzenlose Mobilität verheißt, uns zugleich versklavt und uns die Luft zum Leben nimmt?
Und wenn wir uns dann noch fragten, was dies alles mit jener Freiheit zu tun hat, für die am Hindukusch gestorben wird, wäre vielleicht ein Moment jenes subversiven Anspruchs gerettet, ohne den der 1. Mai undenkbar sein sollte!



1. Ulrich Rose
Kommentar vom 30. April 2010 um 10:49
Yup. Volle Zustimmung.