Gerhard Schröder mit Bier

30 Jahre “Freie Republik Wendland” und Widerstand gegen die Atompolitik

Wenn sie’s doch irgendwann lernten, daß wirtschaftliche Entwicklung erst in Gang kommt, wenn man die Dinosauriertechnik sein läßt – wie man am Beispiel Lubmin sehen kann.

Dies predigt der Widerstand gegen die Atompolitik seit weit über dreißig Jahren – tauben Ohren. Die schwarzgelben ewig Gestrigen können oder wollen nichts lernen (und werden von Teilen der SPD darin noch bestärkt…).

Der NDR erinnert daran, daß ein paar Menschen immer schon anders gedacht haben – je nach politischem Lager der größte Teil der Bevölkerung oder ein paar verwirrte Öko-Spinner. Hier ein paar Auszüge:

“An die Bullen! Wenn Ihr hier mit Euren Wasserwerfern vorbeikommt, dann gießt gleich unsere Pflanzen ganz sacht und gleichmäßig. Und wehe, es ist Chemiescheiße im Wasser – pfui! Dies ist ein biologischer Garten.” Was auf dem Eingangstor des sorgsam angelegten Gemüsegartens steht, ist in der “Freien Republik Wendland” Programm: Fröhlich und friedlich geht es hier zu, selbst als die Bundesregierung das Hüttendorf gewaltsam räumen lässt. Die “Freie Republik Wendland”, die der Anti-Atomkraft-Bewegung neuen Aufwind gibt, ist eine gelebte Utopie, ein soziales Experiment, aber auch eine medienwirksame Protestaktion.


Der Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder (r, mit Bierflasche) spricht zu den Besetzern, 31. Mai 1980. © dpa – Bildarchiv Fotograf: DB

Am 3. Mai 1980 erreicht der Protest im Wendland einen Höhepunkt: Mehrere Tausend Atomkraftgegner marschieren durch den Wald und besetzen das Gelände der Tiefbohrstelle 1004. Dort rufen sie einen eigenen Staat, die “Freie Republik Wendland” aus, oder “Republik Freies Wendland”, so genau wird das hier nicht genommen. Das gewählte Stück Land sieht nicht gerade einladend aus: ein kahles, sandiges, gerodetes Waldstück, auf dem Bohrungen stattfinden sollen, um zu prüfen, ob der unterirdische Salzstock für ein Endlager geeignet ist.
Aus Lehm und Holz errichten die Dorfbewohner ein provisorisches Dorf mit über hundert Hütten, von aufwendigen Rundhäusern bis zu einfachen Indianerzelten. Gebaut werden auch ein Meditationshaus, eine Kirche, ein Freundschaftshaus, eine Sauna, Badehütten, Gewächshäuser, ein Klinikum, ein Frisiersalon, eine Mülldeponie, eine Ponyreitanlage für Touristen und eine acht Meter hohe Schiffsschaukel. Sogar ein eigener Radiosender wird aus dem Boden gestampft: “Radio Freies Wendland” sendet ab dem 18. Mai von einem Turm sein eigenes Programm. An den Abenden gibt es Vorträge, Diskussionsrunden, Rockkonzerte oder Puppentheater. Die Dorfbewohner engagieren sich in verschiedenen Arbeitsgruppen, pflanzen Bäume, zimmern neue Gebäude oder kaufen Lebensmittel in den umliegenden Dörfern. Von Anwohnern aus der Region erhalten sie dabei rege Unterstützung und werden mit Bauholz und Lebensmitteln versorgt.
Weniger begeistert reagieren die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt und die niedersächsische Landesregierung. Als “Hochverrat” gegenüber dem eigenen Land geißelt der niedersächsische Innenminister Egbert Möcklinghoff die Besetzung in einem Interview mit dem NDR. Tatsächlich haben die Bewohner der “Freien Republik Wendland” gegen zahlreiche geltende Gesetze verstoßen, unter anderem gegen das Bau-, das Seuchen- und das Meldegesetz.
Am 4. Juni 1980 wird dem bunten Treiben ein Ende gemacht: Im Morgengrauen, gegen 6 Uhr, umzingeln Tausende Polizisten und Bundesgrenzschutzbeamte die Tiefbohrstelle 1004 mit Bulldozern und Panzern. Die Angehörigen des Panzertrupps haben schwarz angemalte Gesichter. Hubschrauber kreisen am Himmel. Mit etwa 7.000 Mann ist dies der bislang größte Polizeieinsatz der Nachkriegsgeschichte. Per Lautsprecher werden die Besatzer um 7 Uhr aufgefordert, den Platz zu verlassen. (Autorin: Carina Werner. Stand: 22.04.2010 00:00)

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