Asche in der Suppe
Die gute Stimmung am Wochenende wurde kaum von profanen Nachrichten gestört. Der Ausgang der Präsidentschaftswahlen in Polen kommt nicht überraschend.
Der Sieg der Nichtraucher in Bayern stößt allgemein auf Wohlwollen oder Freude.
Es traut sich aber auch niemand mehr, eine abweichende Auffassung zu vertreten.
Wo die erfolgreiche Anwendung direktdemokratischer Verfahren und eine moralisch wie gesundheitspolitisch einwandfreie Haltung zusammenkommen, ist der Jubel allerdings auch ziemlich einfach. Gemessen an den Rahmenbedingungen ist der Erfolg gegen „die Raucher“, inzwischen so etwas wie das Nordkorea unter den Bevölkerungsgruppen, ein leichter. Die auf den ersten Blick geringe Komplexität der Frage und die daraus folgende klare Kampagne tut ihr Übriges.
Auf den zweiten Blick finde ich die Frage nicht so simpel. Die Strategie, das Rauchen mit möglichst rigorosen Gesetzen bekämpfen zu wollen, verursacht bei mir nicht weniger Unwohlsein als unappetitliche Luft aus kalter Zigarettenasche. Wären die Raucher nicht so ein dankbarer Gegner, würde man nie auf die Idee kommen, so zu handeln wie die Regierungen in Europa seit einigen Jahren. Solange die Raucher in der erwachsenen Bevölkerung klar in der Minderheit sind, braucht sich niemand vor eventuellem Gegendruck zu fürchten. Plebiszite zu gewinnen ist herrlich unkompliziert (und das Thema Minderheitenschutz in der plebiszitären Demokratie wird auch nicht angerissen). Außerdem ist die Argumentation hier ja auch so herrlich rational. Als Feld, die Handlungsfähigkeit der Politik unter Beweis zu stellen, ist der Nichtraucherschutz damit vorzüglich geeignet. Im günstigen Fall verdeckt es die Einsicht, dass auf anderen Gebieten fast nichts gelingt.
Gelegentlich wurde schon darauf hingewiesen, dass Nichtraucherpolitik die unteren Einkommensschichten de facto überproportional belastet. Die Belastung über den Preis ist das eine, wären die Steigerungen hier langfristig berechenbar, wäre das auch so in Ordnung. Beim Thema Rauchverbot in der Gastronomie steht aber implizit auch der Angriff auf die Kommunikationsräume bestimmter Bevölkerungsgruppen auf der Tagesordnung. Besonders bedenklich ist dabei der Trend, dass sich besser situierte Gruppen ihr Rauchen in Gesellschaft auf dem Wege privater Clubs im Zweifel immer erhalten können. Und jeder, der das Thema ein bisschen tiefer durchdringen möchte, weiß doch, dass kaum jemand in der Lage ist, mit dem Rauchen einfach so aufzuhören, oft auch wegen persönlicher Rahmenbedingungen. Mindestens eine längerfristig angelegte Strategie kann man da verlangen, um so auch die Akzeptanz bei allen Betroffenen zu erhöhen. Und die immer etwas zu überhebliche Pose der moralischen Überlegenheit bringt es nicht.
Manchmal ist der ach so gut gemeinte Nichtraucherschutz auch für die Nichtrauchenden kontraproduktiv. In den Zügen der Bahn blockieren die Raucher permanent die Aborte, in denen der Nichtraucher dann weiter passiv rauchen darf, die gelb markierten „Raucherbereiche“ auf den Bahnhöfen sind etwas, was man in Deutschland eigentlich nicht mehr sehen möchte, und am Ende fahren immer mehr Raucher Auto. Wenigstens in Zügen mit mehr als zwei Stunden Laufweg sind Raucherabteile an einem Zugende das geringere Übel. Auch für Nichtraucher.



1. Gregor Kochhan
Kommentar vom 5. Juli 2010 um 20:42
Statt eines Kommentars:
“…so haben sich die Pickelhauben von gestern mit den Latzhosen von heute verbündet.”
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Spiegelfechter