Jahn-Gymnasium – In 450 Jahren nichts gelernt?

Es wurde dieser Tage das 450jähige Bestehen des Jahngymnasiums in Greifswald gefeiert. Anläßlich dieses denkwürdigen Tages plante der Schulleiter, Herr Albrecht, einen Festumzug, zu dem er anordnete, die Schüler sollten in fünfer Reihen in verschiedenen historischen Kostümen durch die Stadt marschieren. Von ihm auf dem offiziellen Durchführungsplan vorgesehen waren, neben der Darstellung von Schulkleidung des Barock und der Kaiserzeit, auch der Aufmarsch von Schülern in FDJ-Hemden und -Blusen. Immerhin, Herr Albrecht hatte auf seinem Plan nicht auch noch den Aufmarsch der Schüler in HJ-Uniform, das verdient sicher Respekt, wenn auch sonst sein Verhältnis zur jüngeren deutschen Geschichte, insbesondere angesichts seiner Position als leitenden Pädagoge eines Gymnasiums auf dem Boden eines freiheitlich demokratisch verfaßten Staates ein wenig mehr als fragwürdig erscheint. Allerdings, das muß zu seiner Ehrrettung gesagt werden, keiner der anderen Lehrer hat protestiert, keine Eltern haben die Stimmen erhoben und sich gegen diese von ihm verordnete Zumutung öffentlich gewandt. Erst als ein anonym gebliebenes Mitglied der Schule den Aufruf zum Aufmarsch persiflierte, wurde dieser abgesagt und Herr Albrecht richtete seine Autorität nun darauf, diesen klugen Kopf ausfindig zu machen, allerdings nicht um ihn zu belobigen, wie es von einem Schulleitern einer Schule in unserem Land zu erwarten wäre, sondern um ihn zu maßregeln. Es bleibt zu hoffen, daß die offenbar geplante Maßregel der Relegation an Herrn Albrecht und nicht an dem anonym gebliebenen Klardenker vollzogen wird.
Den nicht aufbegehrenden Eltern und Lehrer der Schule ist zu empfehlen, etwas gegen die offenbar chronische Rückgraterweichung zu unternehmen und zudem sich mit der politischen Geschichte des letzten Jahrhunderts zu befassen. Die Führung eines kontroversen Diskurses, für die es Rückgrat braucht, ist zentrales Element einer demokratischen Gesellschaft. Die Lehrerschaft und offenbar auch weite Teile der Elternschaft des Jahngymnasiums haben dies nicht verstanden und bieten den Schülern damit weiß Gott kein nachahmenswertes Vorbild. Gott sei Dank gab es wenigsten eine/n Aufrechte/n. Möge sein Handeln Vorbild werden.

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13 Gedanken zu &8222;Jahn-Gymnasium – In 450 Jahren nichts gelernt?&8220;

  1. Oha, dünnes Eis und einige Fehler:

    1. Nicht der Festumzug wurde abgesagt, sondern die DDR-Epoche ausgeklammert, der Umzug fand normal statt.

    2. Die Idee des Umzugs und der „Plan“ ist nicht allein Albrechts Werk, sondern das Ergebnis der Arbeit einer größeren Gruppe und mehrerer LehrerInnen.

    3. Finde ich den HJ-FDJ-Vergleich daneben.

  2. danke Jockel für die Unterstützung. RAL lässt mir die Galle hochkommen. Mit welchem Recht meint er, die DDR-Geschichte streichen zu müssen und zu dürfen. Und vor allem die Wertung der „jüngeren Geschichte“ alleinig richtig zu sehen. Aber mach nur weiter so. Wenn das Grünen-Auffassung ist, wird die Partei schon noch die Quittung kriegen.

    1. Nur zur Erläuterung: Die einzelnen Blogbeiträge geben stets die Meinung der Autor/innen wieder. Es sind keine Äußerungen von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Greifswald. (Dies ist ausdrücklich kein Kommentar zum Blogbeitrag!)

  3. Gibt es den ‚Aufruf zum Aufmarsch‘ und dessen Persiflage eigentlich online?

    Wurde der Verfasser tatsächlich ermittelt und gemaßregelt?

      1. Mir wurde das einige Tage vor dem Umzug von einem Schüler der Schule geschickt, der sich ähnlich wie RAL darüber aufregte. Ich habe mich mit dem Thema beschäftigt und ein langes Gespräch mit einer Lehrerin der Schule geführt, die ich sehr gut und sehr lange kenne. Dabei wurde mir eine andere Perspektive auf die Veranstaltung eröffnet.

        Obwohl ich Senior Albrecht nicht mag (er war auch mal mein Direktor und gab mir kurz vor dem Abitur in maßloser Härte einen mdl. Verweis), finde ich es nicht gut, ihn so abzustempeln. Diese ganze Diskussion hat vielen der Organisatorinnen die Festwoche verdorben, die sich wirklich drauf gefreut haben.

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