Ein paar Fragen zur Verantwortung im Sport
Kay Karpinsky am 06. August 2012 | 21 Kommentare
Das sportliche Medaillenzählen in London wurde letzten Donnerstag bekanntlich dadurch gestört, dass das Antifa-Portal „Kombinat Fortschritt“ auf die Beziehung der für das DOSB-Team startenden Rudererin Drygalla zu einem Menschen hinwies, dessen Verbindungen zur Rostocker Neonaziszene offensichtlich sind.
Mittlerweile geht es hauptsächlich darum, inwieweit die zwischenzeitlich erfolgte Distanzierung der Sportlerin und ihres Freundes glaubwürdig und ausreichend ist. Ich habe da meine Zweifel und stehe damit nicht allein, wie etwa die Beiträge bei Tagesschau oder Nordkurier belegen. Die beste Zusammenfassung stellen die durch die Süddeutsche Zeitung aufgeworfenen Fragen dar.
Ein wenig in den Hintergrund tritt dabei die Frage, wie es überhaupt soweit kommen konnte, dass diese Fragen nicht im Vorfeld der Nominierung und der Wettkämpfe hinreichend untersucht und geklärt werden konnten.
Die Sportlerin hatte, auch das ist inzwischen allgemein bekannt, ihre Ausbildung bei der Polizei abgebrochen, nachdem ihre Verbindungen ins Neonazimilieu dort bekannt wurden. Davon wusste auch der zuständige Innenminister Lorenz Caffier (CDU).
Caffier ist als Minister neben der Innenpolitik auch für den Sport verantwortlich. Er hat sich diese Zuständigkeit ausdrücklich gewünscht, auch da er als langjähriges Präsidiumsmitglied des Landessportbundes (LSB) mit den Themen wie den handelnden Personen vertraut ist. Dagegen ist nicht viel einzuwenden, zumal es eine „logische“ Zuordnung für den Sportbereich nicht gibt.
Ein „kurzer Draht“ kann manchmal in der Politik von Nutzen sein. Nur: hier hat er anscheinend nicht das gebracht, was wünschenswert gewesen wäre.
Aber nun weist Caffier, bei dessen Person nun alle wesentlichen Informationen zusammenliefen, sämtliche Verantwortung für den Fall Drygalla von sich und schiebt ihn den Sportverbänden zu. Schließlich habe er den Landessportbund ja auch informiert.
Und genau hier beginnt das Problem: Denn die bloße „Information“ reicht in einem solchen heiklen Fall eben nicht aus. Denn sie setzt voraus, dass auf Seiten des Landessportbundes und des Ruderverbandes ein entsprechendes Problembewusstsein anzutreffen ist, das zu einer umfassenden Untersuchung der anstehenden Fragen im Vorfeld geführt hätte. Das fehlte hier aber offenkundig. Erkennbar wird das daran, dass dieselbe Information nicht an den DOSB, der die Gesamtverantwortung für seine Olympiateilnehmer_innen trägt, weitergeleitet wurde.
Und an dieser Stelle muss auch ein Sportminister handeln und einfordern, dass eine auch für die Öffentlichkeit nachvollziehbare Klärung im Vorfeld stattfindet. Genau dafür ist ein Sport-Politiker da, sonst bräuchten wir die Funktion des Sportministers nicht. Es hätten ihm mehrere Möglichkeiten zur Verfügung gestanden, die die Autonomie des Sports respektiert hätten. Wahrscheinlich hätte schon die Androhung demonstrativer Distanz durch Verzicht auf das gemeinsame Gruppenphoto von Sport und Politik mit den 15 in London startenden Sportler_innen aus Mecklenburg-Vorpommern ausgereicht. Ein dezenter Hinweis darauf, dass der Einsatz des Ministers für das durchaus beachtliche Niveau der Sportförderung im Lande nicht selbstverständlich ist, wäre die nächste Karte gewesen.
Letztlich ist die naive Haltung der Sportverbände, die sich jetzt offenbart, auch Folge eines langfristigen strategischen Fehlers. Denn verbale Erklärungen und Bekenntnisse sind an sich noch wenig glaubwürdig und hilfreich. Um rechte Einstellungen rechtzeitig erkennen zu können, ist ein tieferes Verständnis erforderlich. Es mangelt jedoch an Aufmerksamkeit gegenüber schleichenden Grenzüberschreitungen zu den Parolen der Rechten. Die Taktik der formalen Bekenntnisse ersetzt nicht den langen Weg, der zu gehen ist, um diese Aufmerksamkeit in der Gesellschaft durchzusetzen. Ein interessantes Fundstück hierzu liefert ein fünf Jahre alter Artikel der Tageszeitung. Schon damals warnten Initiativen und grüne Politiker vor den Problemen der Neonazi-Bekämpfung „von oben“.
Der Fall Drygalla hat viel mit der Politik in Mecklenburg-Vorpommern zu tun.


1. Frank
Kommentar vom 6. August 2012 um 23:20
Der Fall Agenda 2010 hat auch viel mit der Politik zu tun und nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern! Die gut situierten Grünen im Land, die brauchen ja den sozialen Schnick Schnack auch nicht.
Was soll also dieses künstliche Geschrei um die junge Frau?